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Pflegekräfte tragen täglich eine enorme Verantwortung – Für ihre Patienten, aber auch für deren Angehörige. In belastenden Situationen, bei Komplikationen oder unerwarteten Ereignissen stehen sie oft im Zentrum des Geschehens. Was dabei häufig übersehen wird: Auch Pflegekräfte selbst können unter solchen Erlebnissen leiden. In diesem Zusammenhang spricht man vom sogenannten „Second-Victim-Phänomen“. Der folgende Beitrag zeigt was hinter dem Phänomen steckt, welche emotionalen und beruflichen Folgen es haben kann und welche Strategien helfen, Belastungen zu bewältigen und vorzubeugen.
Das Wichtigste in Kürze
- Pflegekräfte können nach kritischen Ereignissen wie Behandlungsfehlern zu Second Victims werden.
- Häufig treten Schuldgefühle, Angst, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen auf.
- Stress und Traumatisierung beeinträchtigen Konzentration, Entscheidungsfähigkeit und Patientensicherheit - Die Arbeitsqualität leidet.
- Unterstützungsmaßnahmen, wie etwa Peer-Support, Supervision, Debriefings und psychosoziale Notfallhilfe helfen, Belastung zu verarbeiten.
- Schulungen, offene Fehlerkultur und frühzeitige Intervention fördern präventiv die psychische Gesundheit und eine sichere Pflege.
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Was ist das Second-Victim-Phänomen?
Das Second-Victim-Phänomen beschreibt die emotionale und psychische Belastung, die medizinisches Personal nach kritischen Ereignissen in der Patientenversorgung erfahren kann. Der Begriff wurde im Jahr 2000 von Albert Wu geprägt und macht deutlich, dass nicht nur Patienten betroffen sind, sondern auch die behandelnden Fachkräfte selbst.
Auch wenn das Konzept ursprünglich vor allem auf Ärzte angewendet wurde, betrifft es Pflegekräfte in besonderem Maße. Sie arbeiten häufig unter hohem Zeitdruck, mit begrenzten personellen Ressourcen und in enger emotionaler Beziehung zu den ihnen anvertrauten Menschen – Bedingungen, die das Risiko für belastende Erfahrungen zusätzlich erhöhen.
Die Auslöser sind vielfältig: Dazu zählen unerwartete Todesfälle, Fehler oder Komplikationen im Behandlungsverlauf, aggressive Situationen mit Patienten oder Angehörigen sowie ethisch schwierige Entscheidungen. Entscheidend ist dabei, dass die emotionale Reaktion häufig unabhängig von einer tatsächlichen Schuld entsteht. Bereits das Gefühl, eine kritische Situation nicht verhindert zu haben, kann eine nachhaltige psychische Belastung auslösen.
Second-Victim Studie in Österreich
Eine österreichische Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, wie verbreitet das Second-Victim-Phänomen unter Pflegekräften ist: Rund 82 Prozent der 928 befragten Pflegekräfte identifizieren sich selbst als „Second Victim“ und berichten nach kritischen Ereignissen von emotionalem oder psychologischem Stress. Zu den häufigsten Auslösern zählen aggressives Verhalten von Patienten (über 37 Prozent), sowie unerwartete Todesfälle oder Suizide (rund 24 Prozent). 92 Prozent der Betroffenen, die Hilfe suchten, bevorzugten Unterstützung von Kollegen, während der stärkste Wunsch darin bestand, belastende Ereignisse aktiv aufzuarbeiten und zu verstehen.
Symptome und Verlauf
Das Erleben als Second Victim äußert sich in einem breiten Spektrum an emotionalen und körperlichen Reaktionen. Betroffene berichten häufig von Schuldgefühlen, Angst, Scham, Hilflosigkeit oder Trauer. Diese Gefühle treten selten isoliert auf, sondern verstärken sich gegenseitig und können den Alltag erheblich beeinträchtigen.
Der Verlauf eines Second-Victim-Erlebnisses wird häufig anhand eines typischen 6-Phasen-Modells beschrieben:
| Phase | Bezeichnung | Erklärung |
|---|---|---|
| 1. | Chaos und akute Reaktion | Unmittelbar nach dem Ereignis herrschen Überforderung und inneres Chaos. Klares Denken ist oft eingeschränkt. |
| 2. | Grübeln und Selbstzweifel | Intensive gedankliche Aufarbeitung mit „Was wäre wenn“-Fragen, Schuldgefühlen und Versagensängsten. |
| 3. | Wiederherstellung der eigenen Integrität | Sorge um Ansehen und Vertrauen im Team. Eine unterstützende Fehlerkultur ist hier besonders entscheidend. |
| 4. | Auseinandersetzung mit Konsequenzen | Angst vor möglichen beruflichen, rechtlichen oder persönlichen Konsequenzen. Gedanken an Kritik, Schuldzuweisungen oder sogar den Verlust des Arbeitsplatzes. |
| 5. | Suche nach Unterstützung | Suche nach emotionaler Unterstützung im Kollegenkreis, im privaten Umfeld oder durch professionelle Hilfe. |
| 6. | Verarbeitung oder negative Entwicklung | Diese Phase entscheidet, wie das Ereignis langfristig verarbeitet wird. Möglich sind eine erfolgreiche Bewältigung, aber auch Rückzug, Resignation oder gesundheitliche und psychische Folgeschäden. |
Wie lange die einzelnen Phasen andauern, ist individuell unterschiedlich und hängt unter Anderem von der Schwere des Ereignisses, möglichen rechtlichen Folgen, den persönlichen Bewältigungsstrategien, sowie der vorhandenen Unterstützung ab.
Ohne geeignete Unterstützung besteht die Gefahr, dass sich die Belastung verfestigt. Langfristig können sich daraus ernsthafte psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln. Häufig treten zusätzlich körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Herzrasen oder Magen-Darm-Probleme auf.
Risikofaktoren im Pflegealltag
Nicht jede Pflegekraft verarbeitet belastende Ereignisse auf die gleiche Weise. Verschiedene Faktoren können das Risiko erhöhen, als Second Victim betroffen zu sein. Dazu zählen insbesondere strukturelle Bedingungen im Arbeitsumfeld, etwa stark hierarchische Strukturen oder eine Fehlerkultur, die von Schuldzuweisungen geprägt ist. In solchen Umgebungen fällt es schwer, offen über belastende Erfahrungen zu sprechen.
Auch persönliche Eigenschaften spielen eine Rolle. Pflegekräfte mit einem hohen Anspruch an sich selbst, starkem Verantwortungsbewusstsein oder perfektionistischen Tendenzen reagieren häufig intensiver auf kritische Ereignisse. Hinzu kommt die Art der Situation: Besonders belastend sind unerwartete Todesfälle, Komplikationen bei vermeintlich routinemäßigen Abläufen oder konflikthafte Begegnungen mit Angehörigen. Je stärker die emotionale Beteiligung und je geringer die vorhandene Unterstützung, desto höher ist das Risiko für langfristige psychische Folgen.
Second-Victim-Phänomen – Auswirkungen
Die Auswirkungen des Second-Victim-Phänomens gehen über das persönliche Erleben hinaus und können sich direkt auf die berufliche Praxis auswirken. Betroffene Pflegekräfte entwickeln häufig Unsicherheiten im Arbeitsalltag, vermeiden bestimmte Situationen oder treffen besonders vorsichtige Entscheidungen. Auch die Zusammenarbeit im Team kann darunter leiden. Wer von Schuldgefühlen oder Ängsten geprägt ist, kommuniziert oft zurückhaltender und zieht sich eher zurück.
Langfristig kann das Phänomen zu wachsender Unzufriedenheit im Beruf führen und dazu beitragen, dass Pflegekräfte ihre Tätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben. Angesichts des Fachkräftemangels stellt dies eine zusätzliche Herausforderung für das Gesundheitssystem dar.
Die wichtigsten Auswirkungen und Unterstützungsmöglichkeiten zeigt Dir folgendes Video:
Wo bekommst Du Hilfe und Unterstützung?
Solltest Du selbst das Gefühl haben, nach einer kritischen Situation psychisch zu leiden, ist es extrem wichtig, frühzeitig gegenzusteuern. Warte nicht, bis die Belastung chronisch geworden ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Organisationskultur. Einrichtungen sollten eine offene und nicht-strafende Fehlerkultur fördern, in der kritische Ereignisse gemeinsam reflektiert werden können. Ebenso wichtig sind strukturierte Nachbesprechungen, die Raum für Austausch und Verarbeitung bieten.
Peer-Support in der Pflege
Ein bewährter Ansatz sind sogenannte Peer-Support-Programme, bei denen speziell geschulte Kollegen als erste Ansprechpersonen zur Verfügung stehen. Ergänzend sollten Supervision, Coaching und psychologische Beratung niederschwellig zugänglich sein. Auch Trainings zur Resilienz und Stressbewältigung können dazu beitragen, langfristig besser mit Belastungen umzugehen.
Studien zeigen, dass Pflegekräfte Unterstützung am häufigsten im eigenen Team suchen. Peer-Support kann daher entscheidend dazu beitragen, belastende Ereignisse frühzeitig zu verarbeiten und langfristige Folgen zu vermeiden.
Psychologische Betreuung in der Einrichtung
Neben kollegialer Unterstützung spielt auch professionelle Hilfe eine wichtige Rolle. Viele Einrichtungen bieten inzwischen interne oder externe psychologische Betreuungsangebote an. Dazu zählen unter anderem:
- Supervision und Fallbesprechungen
- Coaching-Angebote für Mitarbeitende und Führungskräfte
- Betriebspsychologische Dienste
- Zusammenarbeit mit externen Therapeuten oder Beratungsstellen
Wichtig ist dabei vor allem die niederschwellige Zugänglichkeit. Pflegekräfte sollten ohne Hürden Unterstützung in Anspruch nehmen können.
Hilfe und Unterstützung für Pflegekräfte
- Verein Second Victim Österreich: www.secondvictim.at, +43 720 70 43 44
- Kriseninterventionszentrum: www.kriseninterventionszentrum.at, +43 1 406 95 95
- Tipp: Unterstützung findet sich oft auch direkt im eigenen Arbeitsumfeld. Viele Einrichtungen bieten interne Ansprechpartner wie Pflegedienstleitungen, Betriebsräte oder betriebsärztliche Dienste. Zudem stehen in manchen Häusern Psychologen oder Therapeuten zur Verfügung.
Fazit: Belastung erkennen und aktiv handeln
Das Second-Victim-Phänomen zeigt, dass Pflegekräfte nicht nur Helfende, sondern auch selbst Betroffene sein können. Ein offener Umgang mit belastenden Ereignissen, unterstützende Strukturen und eine wertschätzende Teamkultur sind entscheidend, um langfristige Folgen zu vermeiden.
Wer frühzeitig Hilfe in Anspruch nimmt, schützt nicht nur sich selbst, sondern trägt auch zur Qualität der Patientenversorgung bei. Denn am Ende gilt: Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann dauerhaft für andere da sein.
Passende Jobs in der Pflege
Passende Jobs in der Pflege findet man bei Medi-Karriere. Hier gibt es Jobs als Pflegeassistent, Stellenangebote als DGKP, Pflegehelfer-Stellen und viele mehr.
Häufige Fragen
- Was bedeutet „Second Victim“ in der Pflege?
- Was sind typische Auslöser für ein Second-Victim-Erlebnis in der Pflege?
- Welche Symptome haben Second Victims in der Pflege?
- Wo finden Pflegekräfte Unterstützung als Second Victim?
Als „Second Victim“ werden Pflegekräfte oder medizinisches Personal bezeichnet, die nach einem belastenden Ereignis – etwa einem Behandlungsfehler oder einem kritischen Vorfall – selbst psychisch stark betroffen sind. Neben den Patienten (First Victim) leiden sie unter Schuldgefühlen, Stress oder Angst.
Häufige Auslöser sind Behandlungsfehler, unerwartete Komplikationen, Todesfälle oder kritische Situationen im Pflegealltag. Auch organisatorischer Druck oder Konflikte im Team können solche Belastungen verstärken.
Betroffene berichten häufig über Schlafstörungen, Selbstzweifel, Schuldgefühle, Angst oder Konzentrationsprobleme. In manchen Fällen kann dies auch zu Burnout oder langfristigen psychischen Belastungen führen.
Unterstützung bieten interne Angebote wie Supervision, kollegiale Beratung oder Peer-Support-Programme sowie externe Anlaufstellen, etwa spezialisierte Beratungsstellen, Kriseninterventionszentren oder psychologische Hilfeangebote.
- Verein Second Victim, “Studie: Große Mehrheit der Pflegekräfte identifiziert sich als Second Victim“, https://www.secondvictim.at/... (Letzter Zugriff am: 21.04.2026)
- Verein Second Victim, “Hilfe und Unterstützung”, https://www.secondvictim.at/... (Letzter Zugriff am: 21.04.2026)
- Dr. Eva Potura, Gesund Österreich GmbH, “Das Second Victim Phänomen – Grundkenntnisse und Tipps zur Führung und Organisationskultur”, https://www.ongkg.at/... (Letzter Zugriff am: 21.04.2026)




