Die Digitalisierung hat den Pflegealltag in Österreich deutlich verändert. Elektronische Pflegedokumentation, vernetzte Systeme und digitale Kommunikationswege erleichtern die Arbeit in Pflegeheimen, bringen aber auch neue Risiken mit sich. Cyberangriffe auf Gesundheitseinrichtungen nehmen seit Jahren zu und machen auch vor Pflegeheimen nicht halt. Dabei stehen nicht nur IT-Systeme, sondern auch sensible Gesundheitsdaten und die Versorgung der Bewohner auf dem Spiel. Umso wichtiger ist es, Cybersicherheit als festen Bestandteil der Pflegequalität zu verstehen. Der folgende Beitrag zeigt, warum Pflegeheime besonders gefährdet sind und wie man sich wirksam schützen kann.
Warum sind Pflegeheime Angriffsziele für Cyberkriminalität?
Pflegeheime und andere Gesundheitseinrichtungen sind besonders anfällig für Cyberangriffe. Im Vergleich zu vielen anderen Branchen bauen sie ihre Cybersicherheit oft nur langsam aus – Und genau das machen sich Cyberkriminelle zunutze. Sie erkennen gezielt Schwachstellen und nutzen sie für ihre Angriffe.
Ein Hackerangriff kann ganze Teilbereiche des österreichischen Gesundheitssystems lahmlegen. Wenn digitale Pflegedokumentationen, die Medikamentenverwaltung oder interne Systeme ausfallen, gerät der Betrieb sofort unter enormen Druck. Eben dieser Zeit- und Handlungsdruck macht Pflegeheime zu einem attraktiven Ziel für Lösegeldforderungen. Dazu kommen strukturelle Schwächen: Viele Einrichtungen besitzen keinen klaren Notfallplan für Cyberangriffe. Besonders kleinere Pflegeheime arbeiten mit veralteten IT-Systemen, die Angreifern leichten Zugriff ermöglichen.
Außerdem spielt der menschliche Faktor eine entscheidende Rolle. Pflegekräfte arbeiten unter hoher Belastung und prüfen eingehende E-Mails oft zu schnell. Fehlende Schulungen erhöhen zusätzlich das Risiko für Phishing oder Social-Engineering-Angriffe.
Beispiel: Cyberangriff auf die MedUni Innsbruck 2022
Ein Beispiel für die Auswirkungen von Cyberangriffen auf Gesundheitseinrichtungen zeigt der Vorfall an der MedUni Innsbruck im Juni 2022. Die Hackergruppe Vice Society griff die Universität an, wodurch die Webseite mehrere Tage lang nicht erreichbar war. Etwa eine Woche später wurden vertrauliche Unterlagen im Darknet veröffentlicht, darunter angebliche Vertrags- und Finanzdaten, sowie Reisepässe und Krankmeldungen von Mitarbeitenden.
Wie ist es um die Cybersicherheit in österreichischen Pflegeheimen aktuell bestellt?
IT-Experten warnen seit Jahren, dass die bestehenden Schutzmaßnahmen in vielen Spitälern und Pflegeeinrichtungen nicht ausreichen. Häufig fehlen ganzheitliche Sicherheitskonzepte, regelmäßige Schulungen und moderne technische Schutzlösungen. Im Jahr 2022 stieg die Zahl der Cyberangriffe auf österreichische Unternehmen um rund 201 Prozent. Betroffen waren unterschiedliche Branchen – darunter auch der Gesundheits- und Pflegebereich.
Digitalisierungsstand in österreichischen Pflegeeinrichtungen
Österreichische Pflegeeinrichtungen setzen heute auf eine Vielzahl digitaler Systeme. Klassische IT-Lösungen oder neuartige KI-Systeme steuern den laufenden Betrieb, von der Dienstplanung bis zur Abrechnung. Elektronische Patienten- und Pflegedokumentationen gehören inzwischen zum Standard. Viele dieser Systeme werden aus der Ferne gewartet, etwa durch externe IT-Dienstleister. Gleichzeitig bestehen laufende Datenverbindungen zu anderen Akteuren im Gesundheitswesen, zum Beispiel zu Arztpraxen, Laboren oder Krankenkassen. Diese Vernetzung erleichtert den Arbeitsalltag, erhöht aber auch die Angriffsfläche.
Rechtliche Rahmenbedingungen
Für die Cybersicherheit im Pflegeheim gelten klare rechtliche Vorgaben. Zentrale rechtliche Grundlage ist das Bundesgesetz zur Gewährleistung eines hohen Sicherheitsniveaus von Netz- und Informationssystemen (NISG). Es verpflichtet bestimmte Einrichtungen dazu, ihre IT-Systeme angemessen zu schützen und Sicherheitsvorfälle zu melden.
Auf europäischer Ebene ergänzt die NIS2-Richtlinie diese Vorgaben. „NIS“ steht für Network and Information Security. Sie richtet sich insbesondere an Einrichtungen des Gesundheitswesens, darunter Krankenhäuser, medizinische Versorgungszentren und in vielen Fällen auch Pflegeeinrichtungen. Ziel ist die Stärkung von Cyberresilienz. Dafür müssen betroffene Einrichtungen wirksame Risikomanagement-Maßnahmen, wie Notfallpläne, regelmäßige Schulungen oder technische Schutzmaßnahmen umsetzen.
Cyberrisiken in Pflegeheimen
Die häufigsten Cyberangriffe in Pflegeeinrichtungen erfolgen durch Ransomware oder Phishing. Beide Angriffsmethoden zielen darauf ab, den Betrieb zu stören oder an sensible Daten zu gelangen. Bei Ransomware handelt es sich um Schadsoftware, die unbemerkt in die IT-Systeme eines Pflegeheims eingeschleust wird. Sobald sie aktiv ist, verschlüsselt sie wichtige Daten und macht ganze Systeme unbrauchbar. Betroffen sind zum Beispiel die digitale Pflegedokumentationen, Dienstpläne oder die Medikamentenverwaltung.
Die IT-Infrastruktur wird dadurch teilweise oder vollständig lahmgelegt. Pflegekräfte können nicht mehr auf wichtige Informationen zugreifen, was den Pflegealltag erheblich erschwert. In vielen Fällen fordern die Angreifer anschließend Lösegeld, um die Daten wieder freizugeben. Der hohe Druck, den Betrieb schnell wieder aufzunehmen, macht Pflegeeinrichtungen besonders erpressbar.
Phishing und Social Engineering verfolgen das Ziel, vertrauliche Daten wie Passwörter oder Zugangsdaten zu stehlen. In Pflegeheimen geschieht das meist über E-Mails, die täuschend echt wirken und scheinbar von Vorgesetzten, IT-Dienstleistern oder Behörden stammen. Die Nachrichten fordern Mitarbeitende dazu auf, sich über einen Link auf einer Webseite anzumelden oder sensible Informationen einzugeben. Sobald die Daten eingegeben werden, erhalten Cyberkriminelle Zugriff auf interne Systeme, Datenserver oder sogar Bankkonten der Einrichtung.
Leitfaden: So gelingt Cybersicherheit im Pflegeheim
Cybersicherheit im Pflegeheim muss nicht kompliziert sein, erfordert aber klare Strukturen und ein gemeinsames Verständnis. Technische Lösungen allein reichen nicht aus. Erst das Zusammenspiel aus geschultem Personal, sicheren Systemen und klaren Zuständigkeiten sorgt für wirksamen Schutz.
- Sensibilisierung und Schulung des Personals: Mitarbeitende lernen, Cyberrisiken zu erkennen und sicher zu reagieren.
- Technische Schutzmaßnahmen: Virenschutz, Firewalls, Updates und Backups sichern Systeme und Daten.
- Klare Zuständigkeiten und Sicherheitsrichtlinien: Regeln und Verantwortlichkeiten sorgen für schnelles Handeln im Ernstfall.
- Zusammenarbeit mit externen Experten: Fachleute unterstützen bei Risikoanalyse, Schutzmaßnahmen und Sicherheitskontrollen.
Notfallplan: So kann im Ernstfall richtig reagiert werden
Kommt es in einem Pflegeheim zu einem Cyberangriff, zählt jede Minute. Wichtig ist, dass alle Beteiligten wissen, was zu tun ist. Die folgende Tabelle stellt die verschiedenen Maßnahmen überblicksartig dar.
| Phase | Priorität | Maßnahmen |
|---|---|---|
| Sofortmaßnahmen | Sehr dringend | Betroffene IT-Systeme umgehend vom Netzwerk trennen, um weitere Ausbreitung zu verhindern. Verdächtige E-Mails oder Dateien nicht öffnen. Laufenden Pflegebetrieb durch analoge Ersatzprozesse absichern. |
| Kommunikation im Krisenfall | Dringend | Heimleitung, IT-Verantwortliche und externe Dienstleister sofort informieren. Mitarbeitende mit klaren Anweisungen versorgen. Offene und ruhige Kommunikation sicherstellen, um Unsicherheit bei Pflegekräften, Bewohnern und Angehörigen zu vermeiden. |
| Meldung an Behörden | Erforderlich | Bei Datenschutzverletzungen Meldepflichten erfüllen, insbesondere gegenüber der zuständigen Datenschutzbehörde. Den Vorfall sorgfältig dokumentieren. |
| Nachbereitung | Mittelfristig | Nach der akuten Phase den Angriff genau analysieren. Sicherheitsmaßnahmen verbessern, Schulungen anpassen und Notfallpläne auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse weiterentwickeln. |
Passende Jobs in der Pflege
Passende Jobs in der Pflege gibt es bei Medi-Karriere. Hier gibt es Jobs als Pflegeassistent, Stellenangebote als DGKP, Pflegehelfer-Stellen und viele mehr.
Häufige Fragen
- Was tun bei Phishing im Pflegeheim?
- Was tun bei Systemausfall oder Dokumentationsausfall?
- Wie melde ich einen IT-Sicherheitsvorfall im Gesundheitswesen in Österreich?
Verdächtige E-Mails dürfen nicht geöffnet oder Links angeklickt werden. IT-Verantwortliche werden informiert, Passwörter gegebenenfalls geändert. Schulungen helfen, Phishing früh zu erkennen.
Betroffene Systeme werden vom Netzwerk getrennt und vorbereitete analoge Ersatzprozesse kommen zum Einsatz. Heimleitung und IT-Dienstleister werden eingebunden, um die Systeme schnell wiederherzustellen.
Der Vorfall wird unverzüglich an die Datenschutzbehörde und die Anlaufstelle NIS gemeldet. Alle Schritte werden dokumentiert, um Ursachen zu analysieren und weitere Maßnahmen abzuleiten.
- Stadt Wien, Europäischer Aktionsplan für die Cybersicherheit von Krankenhäusern und Gesundheitsdienstleistern, https://www.wien.gv.at/... (Abrufdatum: 01.04.2026)
- Bundesministerium für Inneres, Anlaufstelle Netz- und Informationssystemsicherheitsgesetz (NISG), https://www.nis.gv.at/... (Abrufdatum: 01.04.2026)
- KFV, Sicherheit von Patient*innendaten, https://www.kfv.at/... (Abrufdatum: 01.04.2026)


